Indien – Reisebericht 2004-2005

Indien – Reisebericht 2004-2005

Bei den Ärmsten der Armen in Kalkutta-„Hoffnung auf einen besseren Morgen.“

Im Dezember 2003 sah ich einen Bildervortag über das Sterbehaus von Mutter Teresa. Schon immer wollte ich zu einem Hilfsprojekt, um meinen kleinen Einsatz zu geben. Innerhalb von einem Monat stand ich dann alleine in der 25-Millionen-Metropole, in der Hölle von Kalkutta. Mein erster Aufenthalt war zwei Monate. Vormittags führte mich der Weg ins Sterbehaus von Mutter Teresa. Dieses Haus, die Schatzkammer Kalkuttas, wird von den „Südtiroler Ärzten für die Welt“ mit unterstützt. Dort durfte ich Andy Wimmer aus München, der bereits seit ca. 1990 im Sterbehaus Tag für Tag unermüdlich seinen Einsatz gibt, kennen lernen.

Immer wieder gab er mir Ratschläge und half mir auf die Beine, als ich ganz tief unten war. Noch nie zuvor habe ich Menschen vor mir sterben sehen, Menschen, von Ratten angefressen, Menschen, von Würmern befallen. Immer wieder war es Andy, der mir großartig beistand. Er war für mich wie ein leuchtender Stern. Andy wird vom Verein „Südtiroler Ärzte für die Welt“ und vom Verein „Hilfe für Kinder der 3.Welt“ unterstützt, da er für Schwerstbehinderte und verkrüppelte Buben ein kleines Haus angemietet hat und für sie Vater und Familie ist. Menschen, die eine Behinderung haben, sind in Kalkutta das Letzte in der Gesellschaft und landen auf der Straße, dort, wo man auch die Buben von Andy gefunden hat. Menschen, die ins Sterbehaus kommen, sind Menschen wie du und ich, aber anders, sie haben kein Zuhause, sie leben auf der Straße, in der Gosse, in unbeschreiblichen Verhältnissen. Von Volontären, die aus aller Welt kommen, werden sie in dieses besondere Haus gebracht.

Es geht darum, den Menschen etwas Würde und Liebe zu geben. Mutter Teresa sagte, es gibt keine schlimmere Krankheit als ungewollt und ungeliebt auf dieser Welt zu sein. Im Sterbehaus stirbt niemand alleine. Viele Menschen, die auf der Straße leben und dort einen wahnsinnigen täglichen Kampf ums Überleben führen, kommen ins Sterbehaus und können dann loslassen, sie verlassen diese Welt mit einem Lächeln. Ich habe in diesem Haus einen Frieden gespürt, wie ich ihn noch nie in meinem Leben zuvor gespürt habe. In diesem Haus lernte ich Monika kennen, ein junges Mädchen, das die Eltern lebend verbrennen wollten, da sie die nötige Mitgift für die Hochzeit nicht zahlen konnten. Mit schwersten Verbrennungen und entstellt kam sie ins Sterbehaus. Wiederum war es Andy, der mir zeigte, wie ich Gehübungen mit Monika machen kann, da sie nicht mehr laufen konnte.

Zwei Tage vor meiner Heimreise machte sie ihre ersten Schritte alleine. Wir beide haben vor Freude geweint. Ich kann nicht in Worte fassen, was man da fühlt. Dies war für mich das größte Geschenk. Ich wusste, ich war nicht umsonst in Kalkutta. Am Nachmittag durfte ich in einem Heim für Waisenkinder ein Sonnenschein sein. Auch dies ist ein Projekt der „Südtiroler Ärzte für die Welt“. Ich habe mich dort um jene kleinen Herzchen gekümmert, die ein unbeschreibliches Schicksal hinter sich hatten, von den Eltern geschlagen, dass man nach Jahren noch die Narben im Gesicht sieht. Die Kinder fühlen sehr schnell, dass jemand da ist, der ihnen Liebe und Wärme schenkt. Stundenlang habe ich Kinder im Arm gehalten, bis sie eingeschlafen sind. Wir lernten ein bisschen Englisch und haben zusammen Hausaufgaben gemacht. Während meines Aufenthaltes hat Herr Dr. Toni Pizzecco (Präsident vom Verein „Südtiroler Ärzte für die Welt“) veranlasst, dass ein Zahnärztecamp (Dr. Tamiazzo mit Team) in verschiedenen Projekten in Indien, so auch in dem Heim, wo ich war, die Kleinkinder medizinisch versorgten.

Nach 2 Monaten ist mir der Abschied von den Kleinen nicht leicht gefallen. Wer einmal diese funkelnden Kinderaugen gesehen hat, wird sie nicht mehr vergessen. So habe ich bereits im vergangenen Sommer wieder den Entschluss gefasst nach Kalkutta zu gehen. Diesmal für über drei Monate und am 17.11.04 war es dann soweit. Heinrich Hackenberg, Thorsten Schlotter und Helmut Spiess waren bereits für zwei Wochen in Indien unterwegs. Mit großer Freude wurde ich dann am 19.11. in Nordindien von den Dreien empfangen. Besucht haben wir viele Patenkinder die von Südtirolern und Deutschen finanziert werden. Wir haben uns davon überzeugt, dass jeder einzelne Euro ohne Abzug direkt vor Ort ankommt. Die Kinder können durch Ihre Hilfe zur Schule gehen und erhalten medizinische Betreuung und vor allen Dingen genügend zu essen. Wenn man die Kleinen vor einem sieht und man weiß, dass sie nur zur Schule gehen können, weil sie Pateneltern haben, dann ist das doch ein wunderbares Geschenk. Für 28 Cent pro Tag kann man Kinderaugen zum Leuchten bringen, und sie aus der Hölle des Elends befreien. Viele viele Kilometer gehen manche Kinder zu Fuß zur Schule. Nicht selten trifft man Kinder an, die mehr als vier Stunden einen Fußmarsch zur Schule gehen. Die Kinder oder die Familie erhalten das Geld nicht selbst.

So wird ausgeschlossen, dass das Geld für andere Zwecke verwendet wird. Das Geld wird direkt vor Ort von den Salesianern verwaltet. Jeder einzelne Cent kommt ohne Abzug 100% ig den Kindern zugute. Davon habe ich mich vor Ort während meines Aufenthaltes überzeugt. Immer wieder waren wir von der unbeschreiblichen Gastfreundschaft der Salesianer von Don Bosco überrascht. In allen Projekten haben wir die Schulen besucht, die der Verein Kinder für die Dritte Welt aufgebaut hat. Ziel von allen Projekten ist es, den Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen und dass die Menschen Hilfe zur Selbsthilfe lernen. So gibt es manche Projekte, wo die Kinder bereits von klein an mit der Gartenarbeit oder in anderen Projekten mit der Viehwirtschaft vertraut gemacht werden. Die Menschen sind lernwillig und bemühen sich sehr.

Geschockt war ich, als ich die „Stonebreakers“ von Boropahari sah. Noch nie in meinem Leben habe ich eine solche Sklavenarbeit gesehen. Dank der großartigen Unterstützung des Vereins konnte verhindert werden, dass viele Kinder in diesen Steinbrüchen versklavt werden.
Nach 12 Tagen der Projektbesichtigungen reisten die 3 Männer wieder nach Hause. Für mich begann dann eine harte Zeit, da ich ab nun alleine war. Ich wohnte im Nebenhaus von Don Bosco.
Für einige Monate radelte ich vormittags mit einem Fahrrad, ins Kinderheim Shanti Dan, ein Haus von Mother Teresa. Gar nicht so ungefährlich in Kalkutta mit dem Rad zu fahren. Wiederum waren es diese fragenden Kinderaugen, die mich fesselten und mich nicht mehr losließen. Kleine Händchen, die nach dir greifen und immer wieder sagen sie „Aunty“ (Tante) geh nicht. Ich spielte mit den Kleinen, lernte mit ihnen das ABC und auch ein bisschen Eng-lisch. Wir fütterten die Kleinen und gegen 12 Uhr legten wir sie zum Schlafen und meine Vormittagsarbeit war beendet. Am Nachmittag gab ich den Kindern von Don Bosco Englisch Unterricht. Von den Kindern lernte ich auch ein bisschen Bengalisch. Täglich sah ich auch die Müllkinder zu Don Bosco kommen, für die der Verein ein neues Projekt eingerichtet hat. Sie werden gewaschen und versorgt. Auch sie erhalten wiederum einige Stunden Unterricht und am Ende wird ihnen etwas zu Essen gegeben, das sie auch mit nach Hause nehmen können. Eine wunderbare Sache.

Auch das Programm am Samstag ist kaum mehr wegzudenken. Bis zu 1000 Slumkinder kommen zum Spieltag, erhalten dann Gutscheine, die sie bei den Straßenhändlern einlösen können. So ist auch diesen Menschen direkt geholfen.
Im Februar kam mein Lebensgefährte Christian nach Indien und gemeinsam flogen wir zu Fahter Shaji nach Nordost-Indien zum Projekt der Rachitiskinder nach Shillong auf einer Höhe von 1500 Metern. Auch hier schlägt das Schicksal erbarmungslos zu, immer wieder sind es die Schwächsten in der Gesellschaft, die Kinder. Fast 10.000 an Rachitis erkrankte Kinder werden von Father Shaji dort betreut. Die Menschen leben unter dem Existenzminimum, verdienen nicht einmal genug Geld, um die Kinder zu ernähren. Vitaminmangel und Unterernährung sind die Ursache für diese Krankheit, die die Kinder fesselt. Am Sonntag, den 22.2. durften wir bei einem Medizincamp mitarbeiten. Über 500 Kinder wurden von Ärzten untersucht und mit der entsprechenden Medizin versorgt. Medizin bekamen sie auch mit nach Hause. Wir sahen auch Kinder, die nach einigen Jahren, dank Ihrer Hilfe, geheilt wurden. Mit großer Freude wurde ihnen mitgeteilt, dass sie keine Medizin mehr brauchen.
Nun waren es fünfeinhalb Monate bei diesen besonderen Menschen. Eine Zeit, die mich sehr geprägt hat. Jene Menschen ohne Namen, sind viel reicher im Herzen als wir. Sie besitzen nichts, trotzdem lachen alle und überall ist man herzlich willkommen. Wir im Westen lassen uns von Werbungen vorgaukeln, was wir zum glücklich sein brauchen. Endlich müssen wir erkennen und verstehen, dass wir aber die größten Werte nicht kaufen können. Glück, Zufriedenheit und Frieden zu spüren, was gibt es Schöneres? Wenn wir beginnen mit dem Herzen zu denken, werden wir auch jene Menschen besser verstehen. Jeder Einzelne kann etwas bewegen und verändern. Du und ich.

Helfen heißt auch manchmal einen harten, steinigen Weg zu gehen, wenn wir hinfallen wieder aufstehen, um für diese Menschen zu kämpfen. Es ist mir bewusst, dass das Elend in all den armen Ländern weitergehen wird. Und wer glaubt das Elend zu stoppen wird in ein tiefes Loch fallen. Wir brauchen uns nichts vormachen. Aber das, was wir können, ist unseren Einsatz geben. Durch die Unterstützung des Vereins und durch die Übernahme von Patenschaften. Auch in unseren Ländern wird das soziale Netz immer weitmaschiger, löchriger und viele fallen unverschuldet in eine arge Armut. Dennoch, wenn man das Elend in Indien sieht, so traue ich mich doch zu sagen, dass es vielen von uns gut geht. Und wenn wir wiederum an die 28 Cent pro Tag denken, (für eine Patenschaft) dann werden die meisten von uns auch kein hartes Brot essen. Im Namen der Ärmsten der Armen, danke ich all jenen, die sich nicht abwenden, um jene nicht zu sehen, die still vor sich hin leiden. Ich bin dankbar für jeden Tag, wo ich in Kalkutta sein durfte, wo ich reich beschenkt wurde, von einem Lächeln und einem Händedruck, wo ich viel geweint habe, wo ich vieles nicht verstanden habe, wo ich oft sprachlos dastand, wo ich gelernt habe, was Zufriedenheit heißt. Ist es nicht ein schönes Geschenk von der Ärmsten der Armen zu lernen? Es gibt keine Erste und daher auch keine Dritte Welt. Wir sind alles Kinder einer Welt. Heute müssen wir was bewegen. Heute. Morgen ist es vielleicht schon zu spät.
„Erfolg ist nicht das, was Du im Leben erreicht hast, sondern das, was Du für andere getan hast.“ „Wer die Ärmsten der Armen dieser Welt g-sehen hat, fühlt sich reich genug, um zu helfen“ (Albert Schweitzer)
Geben wir die Hoffnung auf einen besseren Morgen nie auf. Danke all jenen, die mit mir den Weg gehen und die mir ihr Vertrauen schenken.

Petra im Sommer 2005